Demigod



Jens Bremicker für GameFeature.de

Mit Total Annihilation feierte Entwicklerlegende Chris Taylor einen riesigen Erfolg im Strategiesektor. Mit seinem Studio Gas Powered Games entwickelte er neben den Action-Rollenspielen Dungeon Siege und dem eher durchschnittlichen Space Siege auch den Echtzeitstrategietitel Supreme Commander. Nun hat das Team von Gas Powered Games in Zusammenarbeit mit den Stardock Studios das Spiel Demigod auf den Markt gebracht, welches im Bereich der Vollpreistitel zwar frischen Wind ins Genre bringt, aber eigentlich sein gesamtes Gameplay von einer Fan-Modifikation für Warcraft 3 geklaut hat.

Die Rede ist von Defence of the Alliance, oder - kurz und knapp - DotA. In dieser steuert jeder Spieler in erster Linie nur einen einzelnen Helden, welcher im Kampf levelt und so neue Fähigkeiten hinzulernt. Weitere Einheiten müssen erst in Shops gekauft werden.
 
Demigod hat sich dieses Spielprinzip nun zur Brust genommen und in ein Götter-Setting hineingepackt. Die Story ist schnell erzählt, denn eigentlich gibt es gar keine. Ein Götterthron ist frei geworden und nun kämpfen verschiedene Halbgötter um einen Platz an der Spitze der Welt. Das war es auch schon, denn wie man schnell feststellen wird, handelt es sich bei Demigod um einen reinen Multiplayer-Titel. Der Singleplayer-Modus beschränkt sich auf einzelne Skirmish-Gefechte und einen Turnier-Modus, was leidlich unspektakulär ist und nur als Einführung in das Spiel dient. Denn ein Turtorial gibt es nicht. Wer DotA nicht gespielt hat wird beim Starten einer ersten Partie erstmal einige Zeit brauchen, um zu verstehen, was man hier nun eigentlich tun muss. Man sollte also vorher einmal das Handbuch gelesen haben, dann fällt der Spieleinstieg schonmal ein wenig leichter.

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Für Solospieler ist Demigod also nichts. Dafür kommen Multiplayer-Fans auf ihre Kosten, zumindest so halb. Oder besser gesagt so dreiviertel. Denn wahnsinig umfangreich ist das Spiel nicht. Gerade einmal acht Maps stehen euch zur Verfügung, was verdammt wenig ist für ein Vollpreis-Strategiespiel, welches Demigod nunmal ist. Dies ist schonmal der erste Punkt, wieso wir stetige Updates von den Entwicklern verlangen. 
Immerhin gibt es mehrere Spielmodi: Der wichtigste und meistgespielteste ist der Conquest-Modus, in dem es darum geht, die Zitadelle, das Hauptgebäude, des Gegners zu zerstören. Daneben erwartet euch noch der Dominate-Modus, in dem ihr die meisten Flaggenpunkte auf der Karte einnehmen und halten müsst. Zudem gibt es auch noch eine einfache Deathmatch-Variante, in der es einfach darum geht, so viele gegnerische Helden wie für den Sieg erforderlich zu töten. Der vierte und letzte Modus heißt Fortress. Dieser besteht darin, bestimme Verteidigundsgebäude des Gegners zu zerstören.
Außerdem gibt es auch im Online-Modus Turniere, welche jedoch immer zu bestimmten Zeitpunkten ausgetragen werden.
Alle Ergebnisse werden online gespeichert und zu einer Rangliste zusammengetragen. Das erhöht die Langzeitmotivation. Außerdem bietet das Spiel auch noch Achievements. Diese sind je nach Helden unterschiedlich und bringen euch sogenannte Gunstpunkte, welche ihr auch für siegreiche Partien erhaltet. Diese könnt ihr in den Matches gegen besondere Ausrüstungsgegenstände eintauschen, welche euch bestimmte Boni verleihen und persistent sind. Diese Items verliert ihr also nach einem Spiel nicht wieder, sondern behaltet sie, vergleichbar zum Beispiel mit den Perks aus Call of Duty 4.
 

Aber kommen wir nun zu den Helden. Insgesamt gibt es acht Stück, aufgeteilt in Assassinen und Generäle. Letztere können sich zusätzliche Einheiten als Unterstützung kaufen, während die Assassinen alleine über die Schlachtfelder laufen und dafür selber etwas stärker sind, so zumindest in der Theorie, mehr dazu gibt es weiter unten.
Jeder Held hat unterschiedliche Fähigkeiten, verschiedene Störken und Schwächen. Der Turm zum Beispiel ist ein riesiges Steinwesen, welcher ordentlich austeilen und viel einstecken kann, dafür aber sehr behäbig und langsam ist, während die Sedna, eine weibliche Göttin, welche auf einem Schneeleoparden reitet, sich eher im Hintgergrund aufhält, mächtige Heilzauber spricht und eher weniger gut im direkten Nahkampf zurecht kommt. Jeder Held levelt im Verlauf einer Partie durch das Einnehmen von Flaggenpunkten, welche bestimmte Boni für das eigene Team bringen, oder das Töten von Gegnern. Mit jedem Stufenaufstieg erhaltet ihr Fertigkeitspunkte, welche ihr in neue Talente investieren könnt. Jeder Charakter hat dabei mehrere unterschiedliche Talentbäume und kann sich somit auch auf verschiedene Arten spezialisieren. 
Insgesamt ist das Design der Helden sehr gut gelungen, keiner spielt sich wie der andere. Jedoch ist das Balancing derzeit noch nicht so, wie es sein sollte. Die Generäle sind insgesamt doch noch ein wenig mächtiger als die Assassinen. Dies ist der zweite Grund, wieso das Spiel dringend ein paar Updates gebrauchen könnte.

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Noch ein paar Worte zum grundlegenden Gameplay: So erhaltet ihr für jeden getöteten Gegner zum Beispiel nicht nur Erfahrungspunkte, um im Level aufzusteigen, sondern auch noch Gold. Dieses könnt ihr im Item-Shop gegen Heil- und Manatränke, Rüstungsgegenstände und andere nützliche Items eintauschen. Generäle können sich zudem, wie schon erwähnt, zusätzliche Truppen kaufen. Außerdem spawnen in regelmäßigen Abständen KI-Einheiten, welche aus magischen Portalen herauskommen und für die Partei, die die jeweiligen Portale kontrolliert, in die Schlacht ziehen. Außerdem könnt ihr auch eure Zitadelle und Verteidigungsgebäude aufrüsten. Die Flaggen, die es einzunehmen gilt, geben euch, wie gesagt, bestimme Boni. Zum Beispiel erhöhen sie den Schaden eures Teams um 30 Prozent oder gewähren euch Zutritt zu Artefakt-Shops, in denen ihr besondere Ausrüstungsgegenstände kaufen könnt.
Sehr nützlich: Steigt ein Spieler aus einer laufenden Partie aus, wird dessen Held von der KI übernommen, welche ihre Arbeit durchaus angemessen erfüllt. Das verhindert Frust.

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Auch wenn der geringe Umfang an Karten negativ aufschlägt, so muss man doch zugeben, dass die vorhandenen Exemplare durchaus gut designt sind und in jedem Fall fantastisch aussehen. Überhaupt ist Demigod eines der schönsten Strategiespiele derzeit. Klar, ein Empire: Total War sieht nochmal ein wenig besser aus - die Grafik-Referenz ist Chris Taylors neues Werk also nicht, aber gut aussehen tut es definitiv. Besonders die detaillierten Einheiten wissen zu gefallen.

Der Sound macht auch einen guten Eindruck. Die Musik ist stimmig und die deutsche Sprachausgabe, die sich jedoch auf das Intro und die Sprüche der Helden, sowie einige Ansagen eines Sprechers alá Quake oder Unreal Tournament beschränken, ist durchaus gelungen. Auch in Sachen Bedienbarkeit ist Demigod sehr gut. Das Interface ist sehr übersichtlich, natürlich können auch sämtliche Aktionen durch Hotkeys getätigt werden, was sehr wichtig ist für ein solch schnelles, actionreiches Multiplayer-Strategiespiel. Denn Demigod ist definitiv nichts für geruhsame Naturen. Man muss ständig auf Zack sein und die einzelnen Helden und deren Talentbäume möglichst gut kennen, damit man nicht minutenlang damit verbringt, welches Talent man denn jetzt freischaltet. Denn dafür ist in einen Gefecht kaum Zeit. 

Demigod ist auch kein Spiel für Alleingänger. Auf die richtige Zusammenstellung der Helden kommt es an und auf viel Teamplay und Taktik. Ein Team, bestehend aus vier Sednas, der Heilerin, egibt nicht sonderlich viel Sinn. Auch sollte man schon ein wenig Zeit mitbringen, wenn man eine Partie startet und auch bis zum Ende dabei sein möchte. Zwar spielen sich die Schlachten durchaus kurzweilig und flott und können auch gerne mal in einer halben Stunde schon wieder vorbei sein. Es kann jedoch oft auch vorkommen, dass sie sich hinziehen und gut und gerne mal länger als eine Stunde dauern. Somit hat Demigod zwar den Anschein, perfekt für zwischendurch zu sein, aber so ganz haut das nicht immer hin.

Der dritte Punkt, weshalb wir weitere Patches von den Entwicklern verlangen, ist die Online-Performance. Teilweise kommt es in den Matches zu störenden Lags, welche das Spiel auch mal gerne alle paar Minuten für wenige Sekunden zum hängen bleiben bringen. Das mag in einem Strategiespiel vielleicht nicht so schlimm sein, wie in einem schnellen Ego-Shooter, aber nerven tut es in jedem Fall.

Insgesamt betrachtet ist Demigod bestimmt nicht das absolute Highlight geworden. Das liegt zum einen am niedrigen Umfang, zum anderen an der noch nicht ganz ausgereiften Balance. Außerdem ist das Spielprinzip nur für diejenigen Spieler neu, die DotA für Warcraft 3 nicht kennen. Aber ist Chris Taylors neuestes Werk ein reines Plagiat? Nein, denn auch wenn das Spielprinzip zum Großteil genau gleich übernommen wurde, hat Demigod dennoch einige Eigenheiten vorzuweisen, wie eben sein Szenario und einige zusätzliche Gameplay-Elemente, die es in der Fan-Modifikation nicht gibt, wie zum Beispiel das Einnehmen der Flaggenpunkte oder das Aufwerten der Zitadelle. Die taktische Tiefe kommt bei dem Titel nicht zu kurz, die Grafik sieht super aus, die Schlachten spielen sich schön flott und actionreich und durch die Achievements, Turniere, die Onlinerangliste und die Gunstitems, die es freizuschalten gilt, stimmt auch die Langzeitmotivation. Zumindest bis zu einem gewissen Punkt, an dem die immer gleichen Maps dann doch langweilen. Deshalb sagen wir nun: Wenn die Entwickler sich hinsetzen und fleißig an der Balance schrauben und das Spiel mit regelmäßigen Content-Updates versorgen werden, könnte Demigod wirklich eine gute Alternative zu den zahlreichen anderen Echtzeitstrategiespielen werden. Und wenn das Balancing irgendwann stimmen sollte, wären auch ein paar weitere Helden nicht schlecht. Selbstverständlich sollten die dann aber auch gut ausbalanciert sein.